Noch vor 70 Jahren gab es in Amerika Gegenden, die waren – aus ernährungswissenschaftlicher Sicht – etwas Besonderes. Die Menschen, die dort lebten, ernährten sich viel von Mais. Milchprodukte jeglicher Art dagegen standen fast nie auf dem Speiseplan. Das Gefährliche an dieser einseitigen Ernährung: Mais enthält kaum Tryptophan. Rund 100.000 Menschen starben in diesen Gegenden jedes Jahr an einem Tryptophan-Mangel, der sogenannten Pellagra. Diese tödliche Mangelkrankheit wird begleitet von Durchfall, Dermatitis (einer Hauterkrankung) und Dementia, einer Form von chronisch reduzierter Intelligenz.

Doch damit nicht genug. Es fiel auch auf, dass in diesen Gegenden außergewöhnlich viele Gewalttaten und Morde verübt wurden. Erst Jahre später wurde in Tierexperimenten der Zusammenhang erkennbar. Wurden Ratten und Mäuse auf Tryptophan und Vitamin-B-Entzug gesetzt, wurden sie hyperaggressiv. Heute wissen wir den Grund dafür: Ein Mangel an Tryptophan ist schuld an der Aggressivität und der schlechten Laune. Diese Vitalstoffe braucht Ihr Körper nämlich, um Serotonin herzustellen: ein Hormon, das Sie kreativ, fröhlich und leistungsfähig macht.

Tryptophan könnte Medikamente ersetzen

Prozac, das bekannteste Antidepressivum, beschert der Pharmaindustrie Millionengewinne. Es verlängert die Lebensdauer von Serotonin in Ihrem Gehirn. Somit steigt Ihr Glücksgefühl, die Depression schwindet. Viel nebenwirkungsärmer wäre allerdings der natürliche Einsatz von Tryptophan. Doch darauf werden wir lange warten müssen: Aminosäuren lassen sich nicht patentieren – sie würden keinen Gewinn für die Pharma-Industrie abwerfen.

Warum Ihr Körper Tryptophan nicht speichert

Fast alle Aminosäuren werden in Ihren Muskeln gespeichert: Als Reserve für Zeiten, in denen Sie sich aminosäurenarm ernähren. Außer Tryptophan: Es wird nur in sehr geringen Mengen in den Muskeln gespeichert. Fehlt der Tryptophan-Nachschub aus der Nahrung, sind auch die wenigen Reserven in den Muskeln schnell erschöpft. Ihr Körper ist dann nicht mehr in der Lage, wichtige Botenstoffe aus dieser Aminosäure herzustellen. Die Folge: Sie leiden unter schlechter Laune und Schlafmangel.

PMS: Ein Anzeichen für Tryptophanmangel

Cashewnüsse enthalten viel Tryptophan. Quelle: 123rf

Cashewnüsse enthalten viel Tryptophan. Quelle: 123rf

Bei Frauen äußert sich der Tryptophan-Mangel noch auf eine andere Weise. Fast ein Drittel aller Frauen, die noch vor oder zu Beginn der Wechseljahre stehen, leiden unter PMS, dem prämenstruellen Syndrom. Sie erfahren in der Woche vor der Menstruation Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen und Heißhunger auf Süßes – vor allem auf serotoninhaltige Schokolade. Der Grund dafür: Tryptophan-Mangel.

So einfach vermeiden Sie schlechte Stimmung

Wie können Sie aber nun Ihre Stimmung heben? Das geht ganz einfach: Essen Sie so, dass Sie viel Eiweiß sowie die Vitamine B3 und B6 zu sich nehmen. Wir wissen aus Studien, dass dann nicht nur schwere Depressionen gemildert werden, sondern auch das PMS der Vergangenheit angehört. Lebensmittel mit viel Tryptophan sind zum Beispiel Cashewnüsse, Erdnüsse, Thunfisch, Hühnerbrust, Eier und Avocado. Damit erreicht Ihre Laune Höchststände und behält sie dauerhaft bei.

 

Schluss mit Schlafproblemen!

Tryptophan hat aber noch eine andere Wirkung, das haben Forscher aus den Niederlanden in einer kleinen Studie herausgefunden. Die Wissenschaftler ließen 28 Personen, davon die Hälfte mit leichten Schlafstörungen, unter Aufsicht schlafen. Die Probanden bekamen abends entweder ein Getränk, das reich an Tryptophanbausteinen war, oder eines ohne diese Bausteine. Der Schlummertrunk mit den Tryptophanbausteinen, so zeigte sich, erhöhte den Tryptophanspiegel im Blut der Anwesenden auf das Doppelte. Und es ergab sich noch eine erstaunliche Folge: Diejenigen, die das Getränk mit Tryptophan bekommen hatten, waren am nächsten Morgen bei Reaktions tests deutlich leistungsfähiger. Ihre morgendliche Benommenheit aufgrund von Schlafstörungen war nicht zu spüren, sie fühlten sich deutlich wacher und fitter. Der Grund, so die Forscher, liegt darin, dass diese Aminosäure augenscheinlich wirklich für besseren und tieferen Schlaf sorgt – und ausgeschlafene Menschen sind eben auch geistig wacher.