Nahrungsergänzung: Sind die bunten Pillen wirklich sinnvoll – oder verschwenden Sie dabei nur Ihr Geld?
Ob in der Apotheke, im Drogeriemarkt oder im Discounter: Überall erhalten Sie heute kleine bunte Pillen, die Ihre Nährstoffversorgung garantieren sollen. Aber brauchen Sie solche Präparate wirklich? Und, wenn ja, worauf müssen Sie achten? Diese Fragen beantworte ich Ihnen, damit Sie sich im Pillen-Dschungel in Zukunft zurechtfinden.
In meiner Lesersprechstunde werden mein Redaktionsteam und ich immer wieder nach bestimmten Nahrungsergänzungsmitteln gefragt – oder wir bekommen die Frage gestellt, ob man denn überhaupt Vitalstofftabletten einnehmen muss. Die generelle Antwort, die Sie in einem solchen Fall von uns bekommen: Sie brauchen (fast) keine Nahrungsergänzungsmittel, schon gar nicht „einfach so“. Sind Sie ein gesunder Mensch, können Sie Ihren Bedarf über Ihre Nahrung decken. In jeder Ausgabe meines Gesundheitsdienstes finden Sie viele Anleitungen und Informationen, in welchem Lebensmittel welcher Vitalstoff enthalten ist.
Lassen Sie erst Ihr Blut untersuchen, bevor Sie zur Pille greifen
Bevor Sie sich also mit der zusätzlichen Einnahme von Vitalstoffen befassen, sollten Sie auf jeden Fall den Gehalt von Vitaminen und Spurenelementen in Ihrem Blut messen lassen. Erst wenn Ihnen die Ergebnisse vorliegen und Sie einen Mangel feststellen, können Sie weitere Schritte einleiten. In den meisten Fällen reicht es, wenn Sie nun verstärkt darauf achten, Nahrungsmittel zu essen, in denen der Stoff enthalten ist, der Ihnen fehlt. Lassen Sie Ihre Werte nach einem halben bis dreiviertel Jahr noch einmal nachkontrollieren, und Sie werden feststellen, dass eine deutliche Verbesserung zu erkennen ist.
In diesen Fällen brauchen Sie immer ein Zusatzpräparat
Es gibt aber auch Situationen, in denen Sie tatsächlich nicht umhinkommen, zusätzlich zu einer bewussten Ernährung noch Präparate einzunehmen. Also zu substituieren, wie es in der Fachsprache heißt. Das ist in folgenden Situationen der Fall:
- Eiweißmangel. Bei einem niedrigem Eiweißspiegel unter 7mg/dl Blut empfehle ich meinen Patienten ein Eiweißpulver. Denn nur so ist es möglich, die Speicher gezielt und relativ schnell wieder aufzufüllen. Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Auch mit einem Pulver dauert es immer noch gut ein halbes Jahr, bis Ihre Vorräte wieder gefüllt sind. Aber es geht eben schneller und besser als allein über die Nahrung. Wichtig ist, dass Sie kein Eiweißpulver nehmen, das Kohlenhydrate enthält – also keines für Bodybuilder. Sonst füllen Sie nicht nur Ihre Eiweißdepots, sondern auch Ihre Fettpölsterchen auf Hüften und Oberschenkeln. Zusätzlich sollten Sie auf jeden Fall eiweißreiche Nahrung zu sich nehmen. Hierzu gehören z. B. Kartoffeln mit Hüttenkäse oder Quark, Kartoffeln mit Ei oder Hülsenfrüchte ohne Fett gekocht.
- Hohe Homocysteinwerte. Sie sind ein Risikofaktor, können zur Verkalkung der Arterien und damit auf Dauer zu Herzinfarkt und Schlaganfall führen. Zudem erforschen Wissenschaftler gerade, ob Homocystein auch an der Entstehung von Alzheimer und Parkinson beteiligt ist. Sie können erhöhte Homocystein-Werte (über 5 µmol/l) ganz einfach senken, indem Sie einen Vitamin-B-Komplex einnehmen. Dieser besteht aus Vitamin B6, Vitamin B12 und Folsäure. Enthalten sollte ein solcher Vitamin-B-Komplex 10 mg Vitamin B6, 10 µg B12 und 400 µg Folsäure.
- Schwangerschaft. Falls es Sie persönlich nicht betrifft, dann geben Sie diesen Rat bitte auch an Ihre schwangeren Bekannten und Verwandten weiter: Bei einer Schwangerschaft ist Folsäure unerlässlich. Wir sind in Deutschland ein Folsäure-Mangelgebiet. Aber nur mit ausreichender Menge dieses Vitamins können Entwicklungsschäden beim Embryo, zum Beispiel offener Rücken, vermieden werden. Am besten beginnen Sie mit der Folsäureeinnahme schon, wenn Sie das Ziel haben, schwanger zu werden. Das Präparat, das Sie wählen, sollte dabei 400 µg Folsäure enthält.
- Magnesiummangel. Der Magnesiumspiegel in Ihrem Blut sollte idealerweise über 1,0 mmol/l betragen – bei vielen Menschen liegt er darunter. Magnesium können Sie nur sehr schwer allein über Ihre Nahrung zu sich nehmen. Sie bräuchten zum Beispiel täglich 400 g Vollkornbrot dazu. Das mag funktionieren, wenn Sie ein leckeres, ganz frisches Brot vor sich liegen und richtig Hunger haben. Aber das geht auch nur einmal, nicht jeden Tag. Bei Magnesiummangel bleibt Ihnen also gar nichts anderes übrig, als ein Präparat zu nehmen. Meinen Patienten empfehle ich in so einem Fall als Ergänzung Magnesium der Firmen Cadion, Diasporal oder Verla.
Diese 4 Fragen sollten Sie an Ihr Ergänzungsmittel stellen
Nehmen wir an, Sie haben ein Blutbild machen lassen. Vielleicht brauchen Sie Folsäure oder Magnesium, wahrscheinlich Eiweiß. Was nun? Beim Lebensmitteleinkauf im Discounter sehen Sie Brausetabletten zur Ergänzung, in der Drogerie gibt es ein ganzes Regal mit Vitaminen und Mineralstoffen, und im Apothekenfenster wird ebenfalls mit Präparaten geworben. Zudem erscheinen auf Zeitschriftenrückseiten immer wieder Anzeigen von Wundermitteln. Der Markt ist also unüberschaubar. Was sollen Sie nun nehmen?
Auf diese 4 Punkte müssen Sie achten, wenn Sie Nahrungsergänzungsmittel kaufen.
- Wie viel Prozent der Tagesdosis des Vitalstoffs decken Sie mit der Dosis, die Sie maximal einnehmen dürfen, ab? Diese Angabe finden Sie auf der Verpackung, meist unter der englischen Abkürzung RDA (Recommended Daily Allowance). Achtung: Bei den fettlöslichen Vitaminen A, D, E und K sollten es nie 100 % sein, denn sie nehmen ja auch Vitamine durch Ihre Nahrung zu sich. Ein Überschuss dieser Vitamine kann sich in Ihrem Körper anlagern und eventuell zu Nebenwirkungen führen. Bei den anderen Vitaminen können Sie ruhig 90 bis 100 % RDA zu sich nehmen, denn einen Überschuss scheidet Ihr Körper wieder aus.
- Wie hoch ist die Bioverfügbarkeit des Präparats? Was nützt es Ihnen, wenn Sie mit einem Vitalstoffpräparat zwar 100 % der empfohlenen Tagesdosis zu sich nehmen, Ihr Körper jedoch nur die Hälfte davon aufnimmt? Das kann schnell passieren und liegt zum Beispiel an der Tabletten-Zusammenstellung, der Präparatform oder Ihrer körperlichen Verfassung. Sehr groß ist dieser Unterschied zum Beispiel bei Magnesium. Aufgrund der Bioverfügbarkeit sind von den 50 Präparaten am Markt nur drei (von Cadion, Verla und Diasporal) empfehlenswert. Fragen Sie daher immer nach der Bioverfügbarkeit – worauf man Ihnen im Supermarkt wahrscheinlich kaum eine Antwort geben kann. Hier kann Ihnen nur ein Apotheker weiterhelfen.
- Was wird Ihnen versprochen? Kritisch sollten Sie bei Wunderversprechen sein. Ein Vitamin kann Ihr Krebsrisiko senken, es ist aber kein absoluter Schutz vor Krebs. Übrigens: Solche Aussagen über die Verhütung oder Behandlung von Krankheiten sind verboten, die Produkte daher unseriös.
- Ist das Präparat in Deutschland überhaupt zugelassen? Wo sitzt der Hersteller? Finden Sie keine vollständige Anschrift des Herstellers, oder handelt es sich um Firmen im Ausland? Vorsicht! Es gibt durchaus Ausnahmen, aber bei Firmen, die im benachbarten Ausland sitzen und in Deutschland werben, ist davon auszugehen, dass die Präparate als Nahrungsergänzungsmittel in Deutschland nicht zugelassen sind.
Werden Sie nicht selbst im Internet aktiv
Es gibt durchaus Situationen, in denen auch ich Ihnen ein Präparat empfehle, das Sie sich aus dem Ausland besorgen müssen, z. B. Selenmethionin. Dies sind ausnahmslos Mittel, mit denen ich sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Diese Tabletten sollten Sie sich aber immer über Ihren Apotheker besorgen lassen. Sie brauchen dafür keine internationale Apotheke mehr. Solche Auslandsbestellungen kann heute jede Apotheke durchführen, auch wenn manche sich etwas „anstellen“. Es kostet einfach nur ein bisschen mehr Mühe.
Bestellen Sie sich bitte nicht selbst Präparate aus dem Ausland. Sie wissen hier nicht, was Sie bekommen; häufig sind schon Fälschungen oder gepanschte Pillen verkauft worden. Diese können Ihrer Gesundheit schwer schaden. Schlimmstenfalls sind sogar giftige Substanzen enthalten. Und auch wenn Sie ein Original-Präparat erwischen, kann es bei der Einfuhr immer noch beim Zoll hängen bleiben. Sie haben dann umsonst Geld ausgegeben.
Ohne gesunde Ernährung nützt Ihnen kein Präparat
Wir wissen heute eines: Auf die richtige Kombination kommt es an. Was bringen Ihnen nur Vitamin- und Mineralstoffpillen, die Sie vor Infekten, vielleicht sogar vor Krebs schützen können? Wollen Sie nicht gleichzeitig auch Ihre mentale Fitness, Ihre Lebensfreude steigern? Dazu brauchen Sie eine gesunde Ernährung mit viel Obst und Gemüse und wenig tierischem Fett. So kommt Ihr ganzer Körper in Schwung, und Sie können Ihre „neue“ Gesundheit bewusst genießen.