Gehen Sie in die Körperschule: Mit Feldenkrais erkennen Sie Ihre Fehlbelastungen und wirken so Schmerzen entgegen
Ein Therapiekonzept, das auf „Lehren und Lenken, nicht auf Krankheit und Heilung“ basiert – im ersten Moment klingt das befremdlich. Dahinter steckt aber eine Methode, mit der Sie sich Ihrer Körperhaltung bewusst werden und sie so gezielt steuern können: das Feldenkrais-Training. Es verbessert nicht nur Ihre Beweglichkeit, sondern auch Ihre Konzentrationsfähigkeit und ist doch ganz einfach zu erlernen.
Es begann mit einer Knieverletzung. Der israelische Physiker Moshé Feldenkrais zog sich diese beim Fußball zu und erhielt danach von den Ärzten gesagt, dass sie ihm nicht helfen könnten. Daraufhin fing er an, selbst nach Linderung zu suchen. Er befasste sich mit der menschlichen Anatomie und entwickelte eine Methode, die alltägliche Bewegungen, aber auch das gesamte Verhalten im Alltag verändern soll. Als ersten Patienten behandelte er den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ben Gurion und erlöste ihn von quälenden Rückenschmerzen. Heute ist das Feldenkrais-Training weit verbreitet. Es wird vor allem bei Schmerzpatienten eingesetzt. Aber auch Spitzensportler nutzen es, um sich damit mental auf Wettkämpfe vorzubereiten.
Die Körperschule macht Ihnen falsche Bewegungen bewusst
Das Konzept von Moshé Feldenkrais ist ein pädagogisches: Sie lernen Ihre Körperbewegungen bewusst kennen und können sie dadurch auch bewusst steuern. Im Alltag laufen Ihre Körperbewegungen automatisch ab. Normalerweise müssen Sie nicht darüber nachdenken, wie Sie vom Sofa aufstehen oder wie Sie einen Fuß vor den anderen setzen. Nach und nach in Ihrem Leben schleicht sich aber die eine oder andere Fehlhaltung ein. Dann unterstützen Sie Ihren Körper nicht, sondern schaden ihm. Denken Sie zum Beispiel daran, wie Sie normalerweise schwere Lasten hochheben. Natürlich wissen Sie, dass Sie in die Knie gehen sollten. Aber machen Sie das wirklich immer?
Genau bei diesen falschen Bewegungen setzt die Methode an. Sie werden sich durch die Übungen Ihrer normalen Körperbewegungen bewusst. Indem sie immer wieder in sich hineinhorchen, entdecken Sie, welche Bewegungen Ihnen unangenehm sind oder sogar Schmerzen verursachen. Danach lernen Sie die Alternativen kennen: Bewegungsübungen, die Sie leichter absolvieren können, die Ihre Muskeln und Sehnen nicht belasten und keine Schmerzen verursachen. Wichtig ist nicht, dass Muskeln und Sehnen trainiert werden, sondern dass Ihre Bewegungen wieder richtig ablaufen.
2 Formen stehen Ihnen bei der Therapie zur Auswahl
Was möchten Sie mit der Therapie erreichen? Sind Sie eher ein Mensch, der in der Gruppe aktiv werden möchte, oder haben Sie Einzelunterweisungen lieber? Diese Fragen sollten Sie sich zuerst stellen, denn danach richtet sich auch, welche Art der Therapie Sie auswählen.
- Die funktionale Integration. Das sind Einzelstunden. Während des Unterrichts liegen Sie auf einer besonderen Liege. Worte fallen bei so einer Sitzung nicht unbedingt, Sie geben sich stattdessen im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände des Therapeuten. Er führt Sie sanft, während Sie die von ihm geforderten Bewegungen ausführen. Dadurch nehmen Sie wahr, wie Ihre Bewegungen aussehen. Schon diese Erkenntnis macht es möglich, dass sich Ihr Körperbewusstsein ändert und Sie sich auch im Alltag anders bewegen.
- Bewusstsein durch Bewegung – damit werden die Gruppenstunden bezeichnet. Vergleichbar ist diese Art des Feldenkrais-Trainings mit dem klassischen Sportunterricht. Im Stehen, Sitzen oder Liegen werden Sie angeleitet, bestimmte Übungen durchzuführen. Es wird Ihnen aber nicht gleich vermittelt, wie Sie die Bewegungen am besten ausführen. Stattdessen absolvieren Sie selbstständig Bewegungsabläufe. Während dieser horchen Sie in Ihren Körper hinein und bekommen so einen Eindruck davon, wie Sie sich bestimmte Bewegungen erleichtern und sie verändern können.
Das sind die Effekte des Feldenkrais-Trainings
Feldenkrais-Übungen haben eine ganze Reihe von positiven Auswirkungen. Mit Feldenkrais
- stärken Sie Ihr Selbstbewusstsein,
- werden Sie sensibler im Umgang mit Ihrem Körper; Ihre Aufmerksamkeit wird geschult und Ihr Konzentrationsniveau erhöht,
- steigern Sie Ausdauer und Wohlbefinden,
- steigern Sie Ihre Beweglichkeit, nicht nur körperlich, sondern auch geistig und seelisch,
- verbessern Sie Ihre Atmung,
- verbessern Sie Ihre Haltung.
9 Übungen für eine bessere Körperwahrnehmung
Die folgenden Übungen sind die wichtigsten diagnostischen Übungen von Moshé Feldenkrais. Sie sollen Ihnen helfen, sich Ihres Körpers bewusst zu werden. Sie lernen Ihren Körper kennen, indem Sie immer wieder in sich hineinhorchen und so ein Gefühl für Ihre Körperabläufe bekommen.
Für den weiteren Schritt, nämlich die Verhaltensänderung, brauchen Sie dann aber die Hilfe eines Therapeuten.
Da es sich bei der Feldenkrais-Methode um ein pädagogisches Konzept zur Steigerung der Beweglichkeit handelt und die Kurse meist nicht unter ärztlicher Anleitung durchgeführt werden, zahlen die Krankenkassen in der Regel nicht. Die Kosten betragen je nach Kursart zwischen 100 und 150 E. Mittlerweile bieten neben Volkshochschulen und Privatlehrern auch große Reha-Zentren diese Kurse an, da sie sich bei Schlaganfallpatienten und Unfallopfern bewährt haben. Im Rahmen einer solchen Reha werden die Kosten dann von den Kassen übernommen.
Für den Schulter- und Nackenbereich
- Übung 1: Setzen Sie sich gerade auf einen Stuhl, die Füße hüftbreit auseinander. Strecken Sie Ihre Arme nach links und rechts zur Seite, die Handflächen sollten nach oben zeigen. Nun neigen Sie den Kopf nach rechts und versuchen mit der Schulter Ihr Ohr zu berühren. Dann machen Sie dasselbe nach links. Horchen Sie in sich hinein: Auf welcher Seite fällt es Ihnen leichter? Welche ist beweglicher, wo fühlen Sie ein Ziehen oder Schmerzen?
- Übung 2: Heben Sie den rechten Arm senkrecht hoch, bis Sie ihn mit dem rechten Ohr berühren. Nun reiben Sie mit dem Arm an Ihrem Ohr entlang. Lassen Sie den Arm wieder sinken und wiederholen Sie Übung 1. Fühlen Sie jetzt einen Seitenunterschied? Wiederholen Sie Übung 2 mit dem linken Arm.
- Übung 3: Nehmen Sie die Ausgangshaltung aus Übung 2 ein. Dann schreiben Sie mit dem Arm kleine Kreise in die Luft. Der Oberkörper sollte bis zum Becken mitschwingen. Vergrößern Sie die Kreise, wechseln Sie danach auf den anderen Arm.
- Übung 4: Strecken Sie beide Arme zur Decke, die Hände greifen einander. Die Arme sollten wieder Ihre Ohren berühren. Kontrollieren Sie, dass beide Ohren gleich weit vom jeweiligen Arm entfernt sind. Nun wiederholen Sie Übung 1. Spüren Sie jetzt noch einen Seitenunterschied? Hat sich Ihre Beweglichkeit verändert?
Für den Rücken
- Übung 5: Legen Sie sich mit angewinkelten Beinen auf den Rücken, winkeln Sie die Ellenbogen an, die Hände berühren sich am Hinterkopf. Ziehen Sie Ihre Knie zum Bauch. Bewegen Sie nun Ihre Ellenbogen nach oben und wieder zurück; wiederholen Sie diese Bewegung einige Male. Während Sie die Ellenbogen nach oben heben, sollten Sie auch die Knie noch ein wenig weiter Richtung Oberkörper nach vorne oben anheben. Wiederholen Sie das einige Male, legen Sie sich dann wieder lang auf den Rücken, strecken Sie Arme und Beine aus und spüren Sie der Bewegung nach.
- Übung 6: Legen Sie sich wieder mit angewinkelten Beinen hin, die Arme sind seitlich ausgestreckt. Bewegen Sie das rechte Knie locker nach rechts, das linke fällt dann hinterher, so dass beide Beine auf der rechten Seite liegen. Nun führen Sie das linke Knie locker wieder zur Mitte, dann nach links, bis das rechte Knie hinterherfällt. Versetzen Sie sich in die Bewegung hinein und versuchen Sie wahrzunehmen, wann das eine Bein dem anderen folgt. Achten Sie darauf, ob es später folgt, je länger Sie diese Übung durchführen.
- Übung 7: Bleiben Sie mit angewinkelten und aufgestellten Beinen auf dem Boden liegen. Knie und Füße sollten sich berühren und abwechselnd von links nach rechts fallen. Spüren Sie der Bewegung des Beckens nach, wenn Sie Ihre Beine zur Seite fallen lassen. Drehen Sie dabei den Kopf in die jeweils andere Richtung.
Übungen für die Beine
- Übung 8: Setzen Sie sich mit lang gestreckten, gespreizten Beinen auf den Boden, Ihre Hände liegen auf den Hüften. Kippen Sie Ihr Becken nach vorne und nach hinten. Stützen Sie sich nun mit den Händen hinter dem Rücken ab und öffnen und schließen Sie Ihre Beine einige Male. Anschließend legen Sie die Beine wieder gespreizt auf dem Boden ab. Massieren Sie erst den linken, dann den rechten Oberschenkel von oben in Richtung Knie. Dann kippen Sie erneut das Becken nach vorne und nach hinten. Spüren Sie nach, ob sich etwas verändert hat. Können Sie das Becken in eine bestimmte Richtung besser kippen?
- Übung 9: Setzen Sie sich mit angewinkelten Beinen auf den Boden. Ihre Füße sollten nah an Ihrem Körper sein, die Knie liegen ein Stück weit nach links und rechts auseinander. Ihre Arme sind zwischen Ihren Knien, Sie greifen um die Fußaußenseiten. Strecken Sie nun die Füße so weit wie möglich von sich weg. Lassen Sie die Schultern entspannt; sobald es in den Beinen anfängt zu ziehen, ziehen Sie die Füße zurück. Wiederholen Sie diese Übung einige Male, dann legen Sie sich kurze Zeit in bequeme Rückenlage. Gehen Sie einige Meter und achten Sie bewusst auf Ihre Beine. Merken Sie einen Seitenunterschied, je nachdem, welches Bein den Schritt macht? Wie fühlen sich Ihre Knie an?
Tags: Feldenkrais-Training, richtig bewegen